Teresa von Avila

Unser tägliches Brot gib uns heute!

Die Bitte um tägliches Brot heißt, wie es scheint, so viel, als: für immer! Ich habe darüber nachgedacht, weshalb der Herr, nachdem er gesagt: täglich, noch einmal sagt: heute. Ich will euch meinen ungeschickten Einfall vortragen. Wenn es ein bloßer Einfall ist, so mag er es bleiben; wie es ohnehin eine große Torheit ist, dass ich mich auf solche Dinge einlasse. Täglich ist, meines Erachtens, deshalb gesagt, weil wir nicht nur hier auf Erden besitzen, sondern auch im Himmel besitzen werden, wenn wir uns hier die Teilnahme daran zu Nutzen machen. Denn er blieb aus keinem andern Grunde bei uns, als um uns zu helfen, uns zu ermutigen und uns zu unterstützen, auf dass der Wille, von dem wir gesagt haben, an uns zum Vollzuge gebracht werde.

Die Seele wird, wie sie nur immer zu essen begehrt, im allerheiligsten Sakramente Erquickung und Trost finden. Es gibt keine Not, keine Trübsal, keine Verfolgung, die nicht leicht zu ertragen ist, wenn wir einmal an seinem Leiden einen Geschmack finden.

Bittet, meine Töchter, vereint mit diesem Herrn den Vater, dass er euch heute den Bräutigam lasse, damit ihr in dieser Welt nicht ohne denselben seid. Zur Mäßigung einer so großen Freude bleibt er in die äußern Gestalten des Brotes und Weines verkleidet was eine genugsame Qual für den ist, der sonst Nichts hat, was er liebe oder was ihn in dieser Welt tröste. Aber bittet ihn, dass er euch nicht im Stiche lasse und euch zubereite, ihn würdig zu empfangen. Ihr, die ihr euch wahrhaft in den Willen Gottes ergeben habt, dürftet für anderes Brot nicht sorgen.

So, meine Schwestern, mag Jeder, der da will, Sorge tragen, um das tägliche Brot zu erbitten; wir aber wollen den ewigen Vater bitten, dass wir würdig werden, um unser himmlisches Brot zu bitten. Können auch unsere leiblichen Augen sich nicht daran erfreuen, dasselbe zu schauen, weil er noch verhüllt ist, so mag es sich doch dem Blicke der Seele zeigen und sich als die himmlische Nahrung voll Freude, Süßigkeit und Kraft zur Erhaltung des Lebens uns erweisen.

Glaubt ihr nicht, dass diese heilige Speise auch Nahrung für diesen Leib ist, und eine wirksame Arznei auch gegen leibliche Krankheiten? Ich weiß, dass sie es ist, und kenne eine Person, die verschiedenen Krankheiten unterworfen ist, und der dieselben öfters, wenn sie auch die heftigsten Schmerzen litt, nach dem Genusse des Himmelsbrotes wie hinweggewischt wurden, dass sie ganz gesund ward. Dieses widerfuhr ihr sehr oft, ja gewöhnlich, und zwar in Krankheiten, die deutlich genug sich zeigten und bei denen eine Verstellung gar nicht möglich wäre. Die Wunder, welche dieses heilige Brot an denen wirkt, welche dasselbe würdig empfangen, sind sehr bekannt. Ich erwähne diejenigen, die ich von jener Person erzählen könnte, ganz kurz. Ich bin über das hierbei Vorgefallene wohl unterrichtet und weiß, dass es keine Lüge ist. Derselben hatte der Herr einen so lebendigen Glauben gegeben, dass sie lächelte, wenn sie andere etwa sagen hörte, sie möchten zu derZeit gelebt haben, in welcher Christus, unser Glück, auf Erden wandelte. Sie fragte, was uns denn noch weiter gegeben werden solle, da wir ihn im heiligsten Sakramente eben so leibhaft gegenwärtig hätten als damals.

Ich weiß von der nämlichen Person, dass sie viele Jahre lang, obwohl sie nicht sehr vollkommen war, während der Kommunion im Glauben sich lebendig vorstellte, sie sehe den Herrn mit leiblichen Augen in ihr Gemach eintreten. Durch diesen Glauben, der Herr betrete ihre arme Hütte, wollte sie sich von allen äußeren Dingen losmachen, um bei ihm zu sein. Sie bemühte sich, ihre Sinne so gesammelt zu halten, dass sie alle dieses große Gut genießen konnten, oder doch die Seele in ihrem Genusse nicht hinderten. Sie stellte sich vor, sie sitze zu seinen Füßen und weine mit Magdalena, als schaute sie ihn mit leiblichen Augen im Hause des Pharisäers. Wenn sie auch keine Andacht empfand, sagte ihr doch der Glaube, dass es gut bei ihm sei, und sie unterredete sich vertraulich mit ihm. Wollen wir nicht selber absichtlich ungeschickt sein und den Verstand verblenden, so ist dies gewiss keine Vorstellung der Einbildungskraft, wie wenn wir den Herrn am Kreuze hangend und in andern Szenen seiner Leidensgeschichte erblicken, wo wir dasjenige was sich begeben hat, uns vorstellen. Dies geschieht auch jetzt und ist volle Wahrheit, und es ist gar nicht nötig, dass wir ihn in der Ferne aufsuchen, sondern wir wissen, dass der liebenswürdigste Jesus bei uns ist, so lange der natürliche Prozess nicht den Stoff des Brotes verzehrt hat. Lasset uns deshalb eine so gute Gelegenheit nicht verlieren, sondern recht innig an ihn uns anschließen.

Da er noch auf Erden wandelte, heilte die bloße Berührung seiner Kleider die Kranken. Darf man nun zweifeln, dass er auch bei seiner Gegenwart in uns Wunder tun werde, wenn wir je einen lebendigen Glauben haben? Gewiss gibt er uns bei seiner Einkehr in unser Haus, um was wir bitten werden. Seine Majestät kann die Herberge nicht schlecht belohnen, wenn man ihn wohl bewirtet hat. Wenn es euch weh tut, ihn nicht mit den leiblichen Augen zu sehen, so bedenket, dass uns dies nicht zuträglich ist; denn es ist etwas Anderes, ihn in seiner Herrlichkeit, als in seinem Erdenwandel zu schauen. Es würde niemand im Stande sein, jenes Schauen bei unserer schwachen Natur zu ertragen; wäre es aber möglich, dann gäbe es keine Welt und niemanden mehr, der in ihr bleiben möchte; denn das Schauen der ewigen Wahrheit würde deutlich zeigen, dass alles, was wir hienieden hochachten, Lüge und Täuschung ist. Wie sollte nun aber eine arme Sünderin wie ich, welche ihn so sehr beleidigt hat, den Anblick einer so großen Majestät in der Nähe ertragen? Unter der Gestalt des Brotes aber lässt sich mit ihm verkehren; denn wenn ein König sich verkleidet, so haben wir, wie es scheint, das Recht, mit ihm ohne viele Umstände und Rücksichten zu verkehren; wir dürfen glauben, er sei verpflichtet, manches zu leiden, da er sich eben verkleidet hat. Wer würde es sonst wagen, bei solcher Lauheit, so unwürdig und bei so vielen Unvollkommenheiten ihm zu nahen? Da wir nicht wissen, was wir begehren (wenn wir ihn sehen wollen), so hat seine Weisheit besser auf uns Rücksicht genommen; denn wo er sieht, dass es zum Heile gereicht, da offenbart er sich den Seelen; und wenn sie ihn auch mit den leiblichen Augen nicht sehen, so hat er noch vielerlei Weisen, sich ihnen zu offenbaren durch große innere Empfindungen, aber auf verschiedenen Wegen.

Seid gerne bei ihm, und versäumt die gute Gelegenheit nicht, wie die Stunde nach der Kommunion ist, um mit ihm zu verkehren. Bedenket, dass dieses ein großer Gewinn für die Seele ist, und der gute Jesus sich dieser Gelegenheit häufig bedient, damit ihr ihm Gesellschaft leistet. Nehmt euch sehr in Acht, meine Töchter, dieselbe nicht zu verlieren, wenn nicht etwa die Pflicht des Gehorsams euch etwas Anderes auferlegt; befleißet euch, eure Seele bei dem Herrn zu lassen. Er ist euer Lehrer, und wird nicht aufhören euch zu belehren, wenn ihr ihn auch nicht versteht. Wenn ihr die Gedanken gleich nach andern Seiten richtet und nicht mit Aufmerksamkeit auf den sehet, der in euch ist, dann dürft ihr euch nachher nur über euch selbst beklagen. Diese Zeit (nach der Kommunion) ist sehr passend, um von unserm guten Lehrer unterrichtet zu werden, um ihn zu hören und ihm die Füße dafür zu küssen, weil er uns lehren will, und ihn zu bitten, dass er von uns nimmermehr weiche.

Nachdem ihr den Herrn (in der Kommunion) empfangen, ist er persönlich bei euch. Bemühet euch, nun die Augen des Leibes zu verschließen und die der Seele zu öffnen, und in das Innerste des Herzens hinein zu sehen! Ich sage euch (und sage es euch nochmals und möchte es vielmals sagen), wenn ihr diese Gewohnheit jedes Mal, so oft ihr zur heiligen Kommunion geht, beobachtet, und euch auch bemüht, ein reines Gewissen zu haben, dann werdet ihr dabei den köstlichsten Genuss haben. Der Herr wird sich euch nicht verhüllen; er wird sich euch offenbaren, gemäß euerm Verlangen, ihn zu schauen, auf mancherlei Weise; euer Verlangen kann so groß werden, dass er sich euch völlig enthüllt.

Und so erweist er uns allen eine große Barmherzigkeit; denn seine Majestät will, dass wir begreifen, Er sei es, der im heiligsten Altarsakramente gegenwärtig ist. Enthüllt zeigt er sich und seine Wunder und Schätze nur denen, von denen er weiß, dass sie ein großes Verlangen nach ihm haben; denn diese sind seine wahrhaften Freunde.

(„Der Weg der Vollkommenheit“ – 34. Kapitel)